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Forschung und Lehre

Votum per Internet: Prüf den Prof. 2000
Wirtschaftsstudenten beurteilen im Internet Vorlesungen
Via Internet konnten zum ersten Mal StudentInnen der Wirtschaftswissenschaften
an der Universität ihre Beurteilung von Vorlesungen anonym abgeben. Das Verfahren
unter dem Motto Prüf den Prof. 2000 wurde von der so genannten
Fachschaft, in Zusammenarbeit mit Campus Virtuell organisiert
ein von StudentInnen gegründeter Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, neue
Medien stärker für den Lehrbetrieb und das Studium nutzbar zu machen.
Befragungen über das Lehrangebot des Fachbereichs 4 gibt es schon seit
mehreren Jahren. Bisher wurden aber Fragebogen verteilt, deren Auswertung viel
Zeit in Anspruch nahm. Die jetzige Internetbefragung gewährleistete nicht
nur die Anonymität, sondern sicherte auch ab, dass mit Hilfe von individuellen
TANs (TransAktionsNummern) alle StudentInnen einer Veranstaltung nur je eine Stimme
abgeben konnten. Die Übertragung der Daten wurde mit Standards durchgeführt,
die auch beim Homebanking für Sicherheit sorgen. Die Bewertung konnte vom
heimischen PC oder vom Rechenzentrum in der Universität aus vorgenommen werden.
Man kann diese Aktion der Studentenschaft nur unterstützen,
erklärte dazu der Dekan des Fachbereichs Wirtschafts- und Rechtswissenschaften,
Prof. Dr. Thomas Breisig. Alle Dozenten sind auf das Feedback der Teilnehmer
ihrer Veranstaltungen angewiesen. Nur so kann man selbst beurteilen, ob das, was
vermittelt werden soll, auch aufgenommen wird. Natürlich sei es nicht
für jeden Kollegen leicht, offene Kritik hinzunehmen, sagte Breisig weiter.
Aber die Befragung sei der beste Weg, sich ein realistisches Bild zu machen und
auf dieser Basis die Qualität der Lehre zu verbessern. Das Internet sei dafür
auch das geeignete Instrument.
Bei der ersten Internet-Befragung wurden insgesamt 560 Voten abgegeben
eine Zahl, die der Vorsitzende von Campus-Virtuell, Sebastian Dettmer,
als befriedigend bezeichnete. Die Beteiligung liege über der bei den Wahlen
zum Studentenparlament. Dass es nicht mehr Voten gegeben habe, führte er
darauf zurück, dass in einigen Vorlesungen Tan-Nummern nicht ausgegeben worden
seien. Erfreulich sei die Qualität der Voten, betonte Dettmer. Viele Student-Innen
hätten nicht nur Kreuze gemacht, sondern in konstruktiver Kritik Verbesserungsvorschläge
beschrieben. Insgesamt hätten die positiven Voten überwogen. Die Ergebnisse
können von Uniangehörigen unter www.campus-virtuell.de
eingesehen werden.

Campus and Company
Neues Studienkonzept der Wirtschaftswissenschaften
Im kommenden Wintersemester startet das Studienkonzept Campus & Company,
das für mehr Praxisnähe des wirtschaftswissenschaftlichen Studiums sorgen
soll. Das Angebot richtet sich an Studieninteressierte mit gutem Informationstechnik-
und Internet-Wissen, die ihr Wirtschaftsstudium mit der Tätigkeit in einem
Internet-Start-Up Unternehmen (Unternehmensneugründungen im Bereich Internet)
verbinden wollen.
Das Studienkonzept, das vom Betriebswirtschaftler Prof. Dr. Uwe Schneidewind,
Institut für Betriebswirtschaftlehre I, koordiniert wird, baut auf dem Projektstudium
der Universität Oldenburg auf. Wer sich für das Studienkonzept Campus
& Company entscheidet, absolviert in den Semesterferien bezahlte Inlands-
und Auslandspraktika bei den Partnerfirmen des Programms. Dazu zählen z.
B. die Ivybird AG, die Media Service Group AG und die Naturwarenhaus.de.
Die Einschreibung erfolgt über den Studiengang Wirtschaftswissenschaften
mit Schwerpunkt Informatik der Universität (zulassungsbeschränkte Direkteinschreibung)
und ist bis zum 15. Juli 2000 möglich. Weitere Informationen unter www.uni-oldenburg.de/produktion/candc/

Aggressive Musik und aggressives Verhalten
Ergebnisse einer empirischen Untersuchung am FB 2
Viele Ängste vor einer gewaltauslösenden oder aggressionsfördernden
Wirkung von Musik sind unbegründet. Zu diesem Ergebnis gelangt eine empirische
Studie, die im Rahmen einer Examensarbeit im Fach Musik (Fachbereich 2 Kommunikation/Ästhetik)
entstanden ist und einen detaillierten Einblick in die Wirkungszusammenhänge
von Musik, Persönlichkeit und Gewalt liefert. Für die Arbeit, deren
Ergebnisse sowohl für die Musikpädagogik wie die Jugendsozialarbeit
von Interesse sein dürften, befragte der Student Carsten Stöver 200
Jugendliche aus acht städtischen und sechs ländlichen Jugendzentren.
Er wurde betreut von Prof. Dr. Wolfgang Martin Stroh (Uni Oldenburg), Prof. Dr.
Thomas Münch (ehemals Universität Oldenburg, jetzt Musikhochschule Würzburg).
Die wissenschaftliche Diskussion um Musik und Gewalt konstatiert
auf der einen Seite gewalttätige Handlungen im Umfeld gewisser Musikdarbietungen,
wozu auf der anderen Seite die Katharsisthese im Widerspruch zu stehen
scheint, der zufolge Musik der Abfuhr von Energien, der Verarbeitung von Gewaltphantasien
und damit der Behinderung gewalttätiger Handlungen dienen kann. Die moderne
Musikpsychologie fasst dieses Dilemma dahingehend zusammen, dass sie betont, die
Wirkung von Musik hänge von vielen außermusikalischen Faktoren ab,
die bei der Frage nach Kausalitäten zwischen Musik und Gewalthandlungen mit
berücksichtigt werden müssten.
In seiner Studie untersuchte Stöver die Neigung zu aggressivem
Verhalten, die er mit den jeweiligen Musikpräferenzen, charakteristischen
Umgangsweisen mit Musik, Musikverwendung in Situationen von Ärger und Trauer
sowie dem Stellenwert, den Musik für die Jugendlichen hat, in Beziehung setzte.
Die Befragung ergab drei Gruppen von Musikpräferenzen (Cluster):
die Freunde gitarrenlastiger Rockmusik (50 Prozent), Technopop-Fans
(25 Prozent) und Liebhaber angesagter Musikstile (25 Prozent). Auf
der Aggressivitätsskala unterschieden sich diese drei Gruppen
nicht signifikant. In Situationen von Ärger oder Trauer setzen die Jugendlichen
aber eindeutig unterschiedliche Musik ein. Je höher die Neigung zu aggressivem
Verhalten ausgeprägt ist, umso mehr neigen die Jugendlichen auch dazu, Ärger
mit aggressiver Musik zu verarbeiten, während in Situationen von Trauer der
Wunsch nach trauriger Musik bei den Aggressiven signifikant stärker ausgeprägt
ist als bei den weniger Aggressiven. Allerdings konnte nicht festgestellt werden,
dass Musikpräferenzen etwas über Persönlichkeitsmerkmale aussagen,
d.h. vom Hören aggressiver Musik kann nicht auf eine Neigung zu aggressivem
Verhalten geschlossen werden. Hingegen war zu konstatieren, dass Jugendliche mit
Neigung zu aggressivem Verhalten Musik eher stimulativ einsetzen und
auch Musik eher assoziativ hören als andere Jugendliche.

Einzigartiger Studiengang
Hörtechnik und Audiologie / Start in der FH zum WS 2000
Zum Wintersemester 2000/2001 beginnt, in Kooperation mit der Universität
Oldenburg und dem Hörzentrum Oldenburg, an der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/
Wilhelmshaven der neue Studiengang Hörtechnik und Audiologie.
Er ist deutschlandweit der erste Studiengang, der darauf abzielt, die Bedarfs-
und Marktlücke zwischen den technischen Lehrberufen und den universitären
Ausbildungsberufen der Physik und Medizin in diesem Bereich zu schließen.
Der Studiengang ist interdisziplinär angelegt, international ausgerichtet
(englischsprachige Lehrveranstaltungen sollen das Studium für ausländische
Interessenten öffnen und es inländische Studierenden leicht machen,
einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland zu absolvieren) und praxisverbunden (enge
Kooperationen mit der Wirtschaft wie dem Oldenburger Kompetenzzentrum HörTech,
dem Hörzentrum Oldenburg und dem Evangelischen Krankenhaus Oldenburg).
Es können zwei Studienabschlüsse erworben werden: Nach vier Jahren das
Fachhochschuldiplom und nach fünf Jahren der Master of Science,
der dem Universitätsabschluss entspricht und den Zugang zu einem Promotionsstudium
ermöglicht. Darüber hinaus ist der Studiengang nach dem European Credit
Transfer Systems (ECTS) aufgebaut, was eine europaweite Anerkennung der Studienleistungen
garantiert. Eine Reihe von einschlägig tätigen, überregionalen
Wirtschaftsbetrieben hat bereits die Bereitstellung von über 100 Praxissemesterplätzen
zugesagt und Interesse bekundet, die Absolventen des Studienganges Hörtechnik
und Audiologie einzustellen. Mehr im Internet unter www.fh-oldenburg.de/H+A_info.htm

Vor der Küste Perus
Meeresforschungen im Umfeld des El Nino-Ereignisses
Sechs Wochen lang haben die Oldenburger Geochemiker Dr. Bernhard Schnetger
und Dr. Olaf Dellwig aus der Arbeitsgruppe Mikrobiogeochemie (Prof. Dr. Hans-Jürgen
Brumsack) des Instituts für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM) mit dem
deutschen Forschungsschiff Sonne vor der Küste Perus den Meeresgrund
erforscht, um neue Erkenntnisse zum Thema El Nino zu gewinnen.
Als El Nino wird ein Klimaphänomen bezeichnet, das in mehrjährigen,
unregelmäßigen Abständen in der Pazifikregion auftritt und das
Wettergeschehen weltweit beeinflussen kann. Unter anderem werden der verregnete
Sommer des Jahres 1998, Überschwemmungen in Südamerika und Dürrekatastrophen
und Waldbrände in Südostasien mit diesem Phänomen in Verbindung
gebracht. El Nino (das Christkind) tritt um Weihnachten
herum auf und verhindert unter anderem den Auftrieb kühler und nährstoffreicher
Wassermassen vor der peruanischen Pazifiküste. Die Untersuchungen der Geochemiker
sollen jetzt klären, in welcher Weise El Nino-Ereignisse mit
der Intensität des Auftriebs kühler Wassermassen gekoppelt sind und
ob die Häufigkeit dieser Ereignisse sich in den letzten Jahrhunderten verstärkt
hat.
An dem Projekt sind neben der Universität Oldenburg auch die Universitäten
Mainz und Kiel, das Max-Planck-Institut für Mikrobiologie in Bremen sowie
die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover beteiligt.

DFG-Projekt Medienkompetenz
Die Medienkompetenz von MusiklehrerInnen an allgemeinbildenden Schulen steht
im Mittelpunkt des von der DFG geförderten Forschungsprojekts Medienkompetenz
in der musikpädagogischen Praxis im Fach Musik (Fachbereich 2 Kommunikation/Ästhetik).
Beteiligt sind die Wissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Martin Stroh und Dr. Randolph
G. Eickert. Auf der Basis des Projekts sollen Materialien für den Musikunterricht
erarbeitet werden, die auf einem interaktionistisch-schülerorientierten Konzept
basieren.
Nähere Information im Internet unter
www.uni-oldenburg.de/~stroh/medienkompetenz/medienkompetenz.htm

Geschichtsschreibung im Mittelalter
Die Instrumentalisierung mittelalterlicher Geschichtsschreibung in der praktischen
politischen Rezeption stand im Mittelpunkt eines Kolloquiums unter Leitung der
Historikerin Dr. Gudrun Gleba vom Historischen Seminar. Die Betrachtung historiographischer
Texte jenseits ihrer Autoren, ihrer Auftraggeber und den ursprünglichen Entstehungsbedingungen
zeigte ihre Verwendung durch spätere mittelalterliche Geschichtsschreiber
nicht nur als Informationsquelle. Die Beiträge erscheinen als Themenheft
der Zeitschrift Das Mittelalter. Perspektiven mediävistischer Forschung.
Die Veranstaltung wurde unterstützt durch die Stiftung Niedersachsen.

Großes Projekt der Landschaftsökologie
Um kostengünstige Alternativen zur häufig aufwendigen Pflege von
Trockenstandorten im Rahmen des Naturschutzes geht es in dem groß angelegten
Forschungsprojekt Mosaik, an dem die Arbeitsgrupe Landschaftsökologie
am Fachbereich 7 Biologie, Geo- und Umweltwissenschaften der Universität
mit unter anderem acht Doktoranden beteiligt ist. Leiter der Arbeitsgruppe ist
Prof. Dr. Michael Kleyer.
Es handelt sich um ein Verbundvorhaben mit den Universitäten Marburg
und Würzburg und dem Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle. Die Führung
liegt bei den Oldenburger WissenschaftlerInnen. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium
für Bildung und Forschung in einem Zeitraum von dreieinhalb Jahren mit insgesamt
2,6 Millionen DM gefördert, wovon etwa eine Million DM nach Oldenburg gehen.
Das erste Untersuchungsgebiet liegt im Müritz-Nationalpark, wo bereits seit
30 Jahren eine Herde von Fjällrindern ein großflächtiges Areal
von Magerrasen und Feuchtheiden offen hält.

Zielvereinbarungen: Zwei Jahre Zeit zur Umsetzung
Zielvereinbarungen mit Pädagogik und Mathematik
Der Fachbereiche 1 Pädagogik und 6 Mathematik haben nach ihrer Evaluierung
im Sommersemester Zielvereinbarungen mit der Universitätsleitung unterzeichnet,
die der Qualitätssicherung in Studium und Lehre dienen und innerhalb von
zwei Jahren umgesetzt werden sollen.
Im FB 1 geht es neben Nachwuchs- und Forschungsförderung um Fragen der
Profilbildung, konkret um die Integration der Diplomstudiengänge Sonderpädagogik
und Pädagogik im Hauptstudium und die Erneuerung des Curriculums im Magisterstudiengang.
In Lehre und Studium soll die Koordination zwischen den Lehreinheiten verbessert
und die Evaluation von Lehrveranstaltungen systematisiert werden. Außerdem
soll ein neues Mentorenmodell zur Betreuung von Lehramtsstudierenden in den Schulpraktika
erprobt werden.
Auch bei der Zielvereinbarung mit der Mathematik geht es um Nachwuchsförderung
und Profilbildung in Forschung und Lehre. Unter anderem soll durch das Angebot
des neuen Forschungs- und Studienschwerpunktes in Biomathe-matik/ Modellierung
die Attraktivität gesteigert werden. Die Lehramtsausbildung soll durch die
Gründung eines Forschungsinstituts für Didaktik der Mathematik, der
Informatik und informatischen Bildung gestärkt werden. Wie der Fachbereich
1 will sich auch der Fachbereich 6 verstärkt um die Einwerbung von Drittmitteln
und die Beteiligung an interdisziplinären Graduiertenkollegs bemühen.
In einigen Punkten gleichen sich die Zielvereinbarungen, die das Präsidium
mit den Fächern vereinbart hat. Dazu zählen Verbesserungsabsichten bei
der Gestaltung des Übergangs vom Grund- zum Hauptstudium, die Einrichtung
von Praktikumsbörsen, verstärkte Internationalisierung des Studiums
wie die Entwicklung eines ECT-Systems vor Ort sowie der Aufbau eines AbsolventInnennetzwerkes.

Nachlass vervollständigt
Ossietzky-Archiv erhält Friedensnobelpreisurkunde
Das Ossietzky-Archiv kann eine wertvolle Bereicherung vermelden: die Friedensnobelpreisurkunde
Ossietzkys samt der zugehörigen goldenen Medaille, eine Bronzeskulptur, die
nach der Totenmaske Ossietzkys angefertigt wurde, das sogenannte Erinnerungsbuch,
in dem Ossietzky zwei Erzählungen und Briefe an seine Frau Maud festgehalten
hat, die über den Krieg geretteten Reste der Ossietzkyschen Bibliothek (u.a.
mit Werkausgaben Goethes und Heines), Fotos und familiäre Korrespondenz.
Das alles wurde jetzt von Ebbe von Ossietzky-Palm, dem Enkel des Namensgebers
der Universität Oldenburg, nach dem Tod seiner Mutter Rosalinde von Ossietzky-Palm
der Universitätsbibliothek übergeben.
Rosalinde von Ossietzky-Palm hatte bereits den Hauptteil des Nachlasses ihres
Vaters Anfang der 80er Jahr der Universität Oldenburg überlassen. Kurz
vor ihrem Tod im Februar dieses Jahres verfügte sie, dass auch der Rest der
Universität überlassen wird.
Die Bedeutung der neuen Archivalien ist für die Forschung zwar nicht
sehr hoch, da die Oldenburger Ossietzky-Forschungsgruppe schon während der
Arbeiten an der 1994 erschienenen Ossietzky-Gesamtausgabe jederzeit Zugang dazu
hatte. Der symbolische Wert der Archivalien ist aber nicht hoch genug einzuschätzen.
Oldenburg unterstreicht damit seine Funktion als wichtigster Ort der Ossietzky-Forschung.
Und es bleibt zu hoffen, dass die Bereicherung des Archivs auch den kritischen
Geist des Anti-Militaristen, Anti-Nationalisten und Radikaldemokraten Ossietzky
der Universität einmal wieder ins Gedächtnis ruft.
Christoph Schottes

Studium ohne Abitur: Vom Meister zum Magister
Studie zum Hochschulstudium zeigt: Qualifizierte Berufstätige haben nicht
mehr und nicht weniger Probleme mit dem Studium als Abiturienten
Das Bundesland Niedersachsen hat bei der Frage der rechtlichen
Normierungen des Hochschulzugangs für Berufstätige ohne Abitur seit
Jahrzehnten eine Vorreiterrolle in Deutschland gespielt. Neben der seit langem
bewährten Prüfung für den Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung
ohne Hochschulreife/Fachhochschulreife (so genannte Z-Prüfung) gibt
es seit 1994 auch den Zugang in ein wissenschaftliches Hochschulstudium über
ein Probestudium ohne eine Zulassungsprüfung für Personen, die über
eine besonders qualifizierte berufliche Weiterbildung mit einem entsprechenden
Zertifikat verfügen.
Mit diesem Weg in das Hochschulstudium verbindet Niedersachsen
nicht nur die Absicht einer weiteren Pluralisierung und damit auch Öffnung
des Hochschulzugangs, sondern auch die Annahme, dass sich die historisch durch
das gymnasiale Monopol beim Hochschulzugang entwickelte Polarisierung zwischen
allgemeiner und beruflicher (Aus)Bildung überwinden ließe.
Dieser Weg in ein Probestudium wird Personen eröffnet, die
eine abgeschlossene berufliche Erstausbildung ergänzt um einen beruflichen
Weiterbildungsabschluss (z.B. eine Meisterprüfung, Ausbildung an einer zweijährigen
Fachschule) nachweisen. Die unbefristete Einschreibung setzt ein erfolgreiches
Studium von in der Regel zwei Semestern voraus. Zwischen der beruflichen Vorbildung
und dem gewählten Studienfach wird eine fachliche Einschlägigkeit verlangt.
Zwischen 400 und 500 Studierende haben inzwischen an den niedersächsischen
Universitäten von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Die Arbeitsgruppe
Bildungsforschung der Fachbereiche 1 und 3 an der Universität Oldenburg hat
soeben eine empirische Untersuchung abgeschlossen, in der die Studienerfahrungen
dieser Personengruppe an allen Universitäten im Land Niedersachsen befragt
worden sind.
Zu den wichtigsten Ergebnissen dieser Untersuchung zählen,
dass sich dieser Personenkreis als studierfähig erweist und die Anforderungen
des Hochschulstudiums ohne größere oder ungewöhnliche Probleme
bewältigt. Die Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse, die sie in
ihr Studium einbringen, erweisen sich durchweg als funktional äquivalent
zu denen, die andere erfolgreich studierende Personengruppen auf anderen Wegen
wie z.B. durch das Abitur erworben haben. Außerdem spricht dieser Hochschulzugang
ein breites Spektrum an beruflichen Voraussetzungen an. Es dominieren mit ca.
50 Prozent die Personen, die über eine Fachschulausbildung als Erzieherinnen
und Erzieher zumeist den Weg in ein Diplomstudium gefunden haben viele
von ihnen studieren Pädagogik im Diplom oder für ein Lehramt. Daneben
hat aber auch jede/r Fünfte unserer Befragten die Studienberechtigung über
eine Meisterprüfung, und etwa jede/r Dritte durch anspruchsvolle andere berufliche
Aus- und Weiterbildungen erworben. Das Spektrum der Studienfachwahl reicht von
den Lehramtsstudiengängen bis zu den Magisterstudiengängen und den Diplomstudiengängen
z.B. in den Wirtschaftswissenschaften, Sozialwissenschaften, Agrarwissenschaften,
der Architektur bzw. den Rechtswissenschaften.
Die insgesamt sehr positiven Feststellungen über die Studienbewährung
unserer Befragten finden in den weiteren Ergebnissen auch eine Reihe von plausiblen
Erklärungen. Das wichtigste Kapital, über das sie verfügen, liegt
in einem dichten Geflecht studienbegünstigender Voraussetzungen. Dazu gehören
vor allem ihre schulischen Voraussetzungen - zum Teil nur knapp unterhalb des
Abiturs - sowie beachtliche berufliche Vorleistungen, die bei vielen mit ausgeprägten
Weiterbildungserfahrungen verbunden sind. Diese studienbegünstigenden Voraussetzungen
korrespondieren mit einer ausgeprägten Leistungs- und Motivationsstruktur,
die durch Ambitionen und Anstrengungsbereitschaft gekennzeichnet ist. Fast alle
zeigen ein hohes Maß an Studienzufriedenheit und Studienidentifikation Sie
stehen weitgehend uneingeschränkt zu ihrer Entscheidung, aus dem Beruf in
das Studium zu wechseln.
Der (realisierte) Studienwunsch hat bei der großen Mehrzahl
die Bindung an die vorangegangene Berufsausbildung und -tätigkeit nicht aufgelöst.
Der Beruf gilt den meisten als gutes Fundament für das Studium. Die dort
erworbenen funktionalen und extrafunktionalen Kenntnisse und Fähigkeiten
werden im Studium gebraucht und helfen bei der Bewältigung der Studienanforderungen.
Es überrascht nicht, dass die Studienanforderungen und die
neue Lebenssituation auch Schwierigkeiten bereiten. Diese werden im Studium vor
allem in den fachlichen Anforderungen und im psychosozialen Bereich gesehen. Sie
erscheinen den Befragten aber als lösbar. Bei der Einschätzung dieser
Probleme ist darauf hinzuweisen, dass solche fachlichen und psychosozialen Schwierigkeiten
typisch für alle Studierendengruppen an unseren großen Universitäten
zu sein scheinen und die Strukturen der Universitäten Gefühle der Anonymität
und Entfremdung befördern, unabhängig auf welchem Weg der Hochschulzugang
erworben worden ist.
Die Untersuchung zeigt sehr deutlich, dass mit der Öffnung
der Universität für Berufstätige ohne Abitur nicht nur eine besondere
Gruppe von Studierwilligen und Studierfähigen existiert, sondern dass diese
mit großer Zufriedenheit studieren, sich sozial gut integriert fühlen
und in ihrer großen Mehrheit ihre Studien- und Studienfachentscheidung für
richtig halten. Auch wenn unser Personenkreis zielstrebig und engagiert auf den
erfolgreichen Studienabschluss und ein Wiedereinmünden in das Beschäftigungssystem
hin arbeitet: Die Freude am Studieren und am Erwerb von Wissen, die Erweiterung
des geistigen Horizonts haben ebenso eine hohe Priorität wie der Erwerb fundierten
Fachwissens für das spätere berufliche Arbeiten.
Die wichtigste bildungspolitische Quintessenz aus unserer Befragung
ist, dass ohne Wenn und Aber festgestellt werden kann, dass das Bundesland
Niedersachsen einen mutigen, konsequenten und richtigen Schritt getan hat, um
den Zugang zu seinen wissenschaftlichen Hochschulen durch eine weitere Variante
zu pluralisieren und damit qualifizierten Berufstätigen ohne Abitur ein Hochschulstudium
zu ermöglichen. Es bleibt aber auch festzustellen, dass die Hochschulen selber
noch erhebliche Anstrengungen unternehmen müssten, um das Probestudium systematischer
zu strukturieren und auch damit diesem Personenkreis zu signalisieren, dass sie
an der Rekrutierung leistungsbereiter und leistungsfähiger Studierender ohne
Abitur ein Interesse haben, weil auf diesem Weg inspirierende Erfahrungen in die
Hochschulen eingebracht werden.
Heinz-Dieter Loeber
Wolf-Dieter Scholz

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