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Forschung aktuell
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Studie "Flora und Vegetation der Stadt Oldenburg"
Die von Prof. Dr. Wolfgang Eber (Fachbereich 7 Biologie der Universität
Oldenburg) vorgelegte Studie über die Flora der Stadt Oldenburg enthält
die Ergebnisse von zwanzig Jahren kontinuierlicher Forschungsarbeit, die anläßlich
des Stadtrechtsjubiläums erstmals zusammengefaßt wurden. Im Mittelpunkt
der Arbeit steht die Stadt als Lebensraum wildlebender Pflanzenarten und Pflanzengesellschaften,
deren Lebensbedingungen und Geschichte sorgfältig analysiert werden. Die
Studie stellt einen wesentlichen Beitrag zur Erforschung der Flora Nordwestdeutschlands
dar, besitzt aber auch überregionale Bedeutung für die noch relativ
junge stadtökologische Forschung. Zugleich liefert sie Aussagen über
Grundlagen und Praxis des Artenschutzes.
Die Flora des Stadtgebietes kann mit 708 wildwachsenden Arten als für
nordwestdeutsche Verältnisse extrem artenreich bezeichnet werden. Dieser
Artenreichtum beruht vor allem auf der Lage der Stadt im Überschneidungsbereich
der drei für das norddeutsche Tiefland charakteristischen Landschaftsformen
Geest, Moor und Marsch, die jeweils mit beträchtlichen Resten naturnaher
oder nur extensiv landwirtschaftlich genutzter Flächen vertreten sind. Dazu
kommt noch die für Städte charakteristische Ausstattung mit vom Menschen
geschaffenen (anthropogenen) Flächen wie Verkehrswegen (Bahn- und Hafenanlagen,
Straßen, Kanälen) und gewerblichen Nutzflächen.
Von den 708 Arten gehören 513 Arten der einheimischen Vegetation an.
195 (27,5 %), also mehr als ein Viertel, sind Zuwanderer oder absichtlich oder
unbeabsichtigt eingeschleppt worden. Von diesen Arten entstammen 118 (16,7 %)
benachbarten Landschaften wie zum Beispiel dem Wesertal, dem Mittelgebirge oder
auch anderen Teilen Mitteleuropas, während immerhin 77 (10,9 %), die sogenannten
Neophyten, aus fremden Ländern und zum Teil sogar anderen Erdteilen stammen.
Die Veränderung der Flora ist Ausdruck einer Landschaftsveränderung
von der ursprünglichen wald-, moor- und gewässerreichen Naturlandschaft
über eine extensiv genutzte bäuerliche Kulturlandschaft zu einer Landschaft
mit immer intensiverer Land- und Forstwirtschaft und sich ausdehnenden Wohn-,
Verkehrs- und Gewerbeflächen. Arten der natürlichen Vegetation werden
zunehmend ausgerottet, wobei dem endgültigen Verschwinden zunächst die
kontinuierliche Vernichtung von Lebensräumen und die Reduzierung der Bestände
zu nicht mehr lebensfähigen Restpopulationen vorausgeht. Die Roten Listen
der gefährdeten Arten halten diesen Vorgang statistisch fest. Dem Rückgang
der einheimischen Arten steht das gleichzeitige Eindringen gebietsfremder Arten
gegenüber, die erst durch die vom Menschen geschaffenen neuen Lebensräume
und die Intensivierung des nationalen und internationalen Verkehrs in Oldenburg
Ansiedlungs- und Lebensmöglichkeiten fanden. Diese Neophyten sind daher bis
auf wenige Einzelfälle keine Konkurrenten einheimischer Wildpflanzen. Als
Besiedler von sonst tristen Problemflächen haben sie vielmehr eine bedeutende
landschaftsökologische Funktion für den Erosions-, Boden- und Wasserschutz
und sind zudem eine ästhetische Bereicherung des Stadtbildes.
Die Oldenburger Flora enthält mit 136 Arten der Roten Liste (19,2 % des
Gesamtartenbestandes) eine Vielzahl von gefährdeten und vom Aussterben (besser:
"von der Ausrottung") bedrohten Pflanzenarten in zum Teil noch ansehnlichen Populationsgrößen
und naturnahen Ve-getationsresten. Damit liegen in Oldenburg besonders gute Voraussetzungen
vor, einen wesentlichen Beitrag zum Schutz von Arten und Lebensgemeinschaften
zu leisten, und demgemäß trägt die Stadt auch ein hohes Maß
an Verantwortung, diese Möglichkeiten zu nutzen. Die Probleme des Naturschutzes
sind immens. Viele der noch verbliebenen Refugien sind bereits zu ghettoartigen
Inseln in einem lebensfeindlichen Umfeld geschrumpft und werden weiter durch die
zur Mode gewordene, meist jedoch unrealistische Suche nach einer Vereinbarkeit
von Ökologie und Ökonomie bedroht. Der überwiegende Teil der Lebensräume
gefährdeter Arten und Lebensgemeinschaften gehört nicht natürlichen
Ökosystemen an, die sich durch Selbstregulation im Gleichgewicht erhalten,
sondern ist Bestandteil einer vom Menschen gestalteten, extensiv bewirtschafteten
Kulturlandschaft. Durch den immer stärkeren Zwang zur Intensivierung der
Landnutzung werden einstmalige Nutzflächen immer mehr zu Pflegefällen
des Naturschutzes. Das gilt in Oldenburg speziell für Feuchtgrünland,
Moorreste und Wallhecken.
Entwicklungs- und Pflegemaßnahmen erfordern daher einen steigenden Aufwand
an Mitteln und Personal sowie erhöhte Fachkompetenz. Aber weder der behördliche
noch der ehrenamtliche Naturschutz verfügen derzeit über eine hinreichende
Kompetenz auf dem Gebiet der Artenkenntnisse und der Kenntnis der Standortansprüche.
Für nur acht der insgesamt 136 gefährdeten Arten sind im Landschaftsrahmenplan
Hilfsprogramme vorgesehen. Das wäre nur dann zu vertreten, wenn das Überleben
der übrigen durch Biotopschutzmaßnahmen gewährleistet wäre
und Schutzkonzepte vorlägen, die auf den speziellen Lebensraum und dessen
Arteninventar zugeschnitten sind. Das ist jedoch nur teilweise der Fall; somit
könnte Aussterben durch Biotopschutzmaßnahmen zu einer wichtigen Ursache
für das Aussterben von Arten werden. Da bei den Naturschützern am ehesten
Kenntnisse auf dem Gebiet der Vogelwelt vorhanden sind, ist die Folge ein ornithozentrischer
Pseudonaturschutz.

Kontakt: Prof. Dr. Wolfgang Eber, Tel.: 0441/798-3337

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